Metamorphosen — Cézanne

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Um die große Winterschau der Kunsthalle nicht zu verpassen, stehen die Menschen in Karlsruhe bei Wind, Nieselregen und eisigen Temperaturen Schlange. Mit Paul Cézanne wurde ihnen ein prominenter Vertreter aus jener Riege der „Wegbereiter der Moderne“ versprochen, die den Museen alljährlich so wunderbar verlässliche Besucherzahlen beschert. Leider nimmt die schiere Masse der so auserkorenen Innovatoren etwas am Glanz ihrer Ehrung, wie man grundsätzlich hinterfragen kann, ob nicht rückblickend die Qualität jeder künstlerischen Position hinsichtlich ihrer Funktion des Vorbereitens nachfolgender Entwicklungen beurteilt wird – ist in der Kunstgeschichte, die bekanntlich alles immer in lineare Narrationen einbinden will, nicht jeder ein Wegbereiter?

Blockbuster-Kritik hin oder her, sicherlich verdienen die Meister der frühen Moderne Aufmerksamkeit und sicherlich darf man sich auch auf solch groß angelegte Museumspräsentationen freuen. Häufig versammeln sich hier immerhin eine Vielzahl großer Werke an einem Ort, zu deren Betrachtung sonst eine Weltreise nötig wäre. Es kann zwar vorkommen, dass man einige Exponate nie zu Gesicht bekommen wird, da sie dauerhaft von undurchdringlichen Trauben Schaulustiger umringt bleiben, aber dieses Risiko trägt gelassen, wer in einem Jahr schon dreimal Paul Klee gesehen hat.

Ausstellungsansicht mit Landschaften

Wenn also nicht jede Ausstellung allein unter dem Gesichtspunkt der Innovation betrachtet werden muss, wie es der Kunst seit Jahrhunderten abverlangt wird, wollte man mit Metamorphosen aber doch – wie auch sonst – einen anderen, neuen Cézanne zeigen. Laut Website verzichte Kurator Alexander Eiling auf eine Chronologie und die Trennung nach Genre, um Cézannes Werk „erstmals (…) als eine Einheit“ erlebbar zu machen. Das ist ein denkbar ambitionierte Anspruch, in ein und der selben Ausstellung Metamorphose zu thematisieren und zugleich Einheit präsentieren zu wollen. In den Sälen der Kunsthalle, wo alles recht klassisch daherkommt, zumeist Porträt neben Porträt, Stilleben gegenüber Stilleben, Landschaft bei Landschaft hängt, sieht man von der proklamierten Unkonventionalität recht wenig.

Die Auswahl und Zusammenstellung der Positionen markieren dabei nur selten solche Unterschiede, sodass jeweils verschiedene Aspekte im Werk Cézannes wirklich anschaulich gemacht werden könnten, wie es die Begrifflichkeiten suggerieren, welche die Räume überschreiben. In jedem Raum werden einige Zeilen geliefert, die alles daran setzten, eine Gruppe von Werken so schwachen Begriffen wie Kombinieren, Auflösen, Verfestigen usw. unterzuordnen. Die Texte mal nicht an der Wand, sondern auf Stoffbahnen anzubringen, ist eine schöne Idee, die einen dezenten gestalterischen Akzent setzt. Allerdings verwundern manche Formulierungen entweder mit schonungsloser Trivialität: „Cézannes Arbeitsweise erscheint (…) wie eine unablässige Suche nach einer künstlerischen Form“, oder in bloßer Redundanz zum für jeden Betrachter Sichtbaren: „(…) auch Vincent van Gogh (fertigte) Kopien nach dieser Skulptur (…), die in diesem Raum den Werken Cézannes gegenübergestellt werden“.

Ausstellungsansicht Wandtexte

Ansonsten beweist Kurator Eiling mit seiner Hängung viel Geschick. Eine fokussierte Auswahl von Kupferstichen, Malereien und Plastiken vergegenwärtigt Cézannes Dialog mit Zeitgenossen, dem Barock und Klassizismus. Im Offenlegen der Quellen des Künstlers wird gleichzeitig ein Verständnis dafür angeregt, wie Rückbezüge und Querverweise nicht nur die Kunstgeschichte, sondern ebenso die Geschichte der Produktion von Kunst durchsetzen. Auch findet Eiling ein angenehmes Maß an Didaktik, bei welchem das Vermittelnwollen stets im Hintergrund agiert.  Nur punktuell werden Akzente gesetzt, etwa um so zentrale Momente wie die voranschreitende Abstraktion Cézannes zu veranschaulichen. Eine gute Reihung dreier sich motivisch ähnelnder Arbeiten lässt verstehen, dass eine künstlerische Entwicklung eben nicht wirklich in einem Text gelesen werden kann, sondern gesehen werden muss.

Während die Karlsruher Ausstellung also den Willen spürbar macht, alles nichtbildliche Beiwerk zu stutzen, müsste nicht nur der Text noch strikter reduziert werden, um das in diesem Ansatz schlummernde Potential voll entfalten zu können. Um Paul Cézanne allein ästhetisch wirken zu lassen, hätte es vorallem auch einer strengeren Werkauswahl und dabei noch stärkeren Einzelpositionen bedurft. Während man die echten Sensationen doch zu vermissen scheint, sind gleichzeitig einige Räume zu voll gehängt, sodass die einzelnen Werke in ihrem Nebeneinander zusätzlich noch an Wirkungskraft einbüßen. Bilder wie die Waldlandschaft von 1898 könnten für mich gerne alleine hängen, hier demonstriert der Künstler auf einer einzelnen Leinwand, was Landschaft für ihn bedeutet und was er auf diesem Feld vermag.

Selbstverständlich aber wartet jedes einzelne Bild Cézannes mit dessen unverkennbaren Stil auf, der einmal ins Auge gefallen, immer wieder aufs Neue begeistert. Die Formen des Künstlers erscheinen als Additiv segmentierter Farbflächen, die wiederum nicht mehr denn purer Pinselduktus sind, zusammengehalten von mal mehr mal weniger starken Umrissen. Der genuin abstrakte Stil kontrastiert in Cézannes Wahl traditioneller Motive und seinem Verharren in den Grenzen der klassischen Genres. Es ist dieses spannungsvolle Moment zwischen in der Kunst Cézannes wohl den vielbesagten Absprung zur Moderne markiert. In den Aquarellen Cézannes werden dessen schwerwiegende künstlerische und technische Innovationen – Auflösung der Komposition, Autonomie der Farbe, Fragmentierung des Gegenstandes – besonders augenscheinlich, in den vielfältigen Transparenzen offenbart sich der durch und durch flächige Bildaufbau. Außerdem scheint der energische Auftrag nun höchst konzentriert und die zeichnerische Komponente der Werke des Künstlers erhält größte Präsenz.

Für Metamorphosen ist es ein klarer Gewinn, dass Kurator Eiling die Ausstellung nicht zu sehr mit Information und Intellekt überfrachtet. Zu häufig begegneten schon Romane an Museumswänden, um all die historischen und wissenschaftlichen, biographischen und überflüssigen Erkenntnisse zum abermals durchgekauten Meister der Vormoderne vorzutragen. Zugleich wurde sich bemüht, in der Sortierung der Werke einen neuen Weg zu gehen, was sich zumindest im Verzicht auf eine ebenfalls schon zu gut bekannte Chronologie abzeichnet.

Andererseits bleibt die Schau aber tragisch unentschieden zwischen der Ansage eines klar formulierten Themas und ihrer übrigen kuratorischen Konzeption. So schafft Eiling mit einer nur lose gekoppelten Hängung, einer zurückhaltenden, harmonischen Raumgestaltung und einer Selbstverständlichkeit, mit der technische Ansprüche wie eine einwandfreie Beleuchtung erfüllt werden, die besten Voraussetzungen für kontemplativen Kunstgenuss. Weil man aber ständig damit beschäftigt ist, die Metamorphose zu suchen und damit die Ausstellung zu verstehen, kann man sich letztlich nie gänzlich auf ein reines, sinnliches Erleben des Paul Cézanne einlassen.

Metamorphosen – Paul Cézanne
Kunsthalle Karlsruhe, noch bis 11. Februar 2018, Dienstag–Sonntag 10–18 Uhr, Eintritt 12€.

 

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Porträt einer Frau, 15. Jhd

„(…) denn es ist etwas sehr Angenehmes, Kunstwerke zu besehen, die Gedanken und Reflexionen, welche dabei vorkommen können, aufzufassen, die Gesichtspunkte sich geläufig zu machen, die andere dabei gehabt haben, und so selber Urteiler und Kenner zu werden und zu sein.“
—  Hegel, Vorlesungen über die Ästhetik, 1835-38

„(…) ob also Geschmack ein ursprüngliches und natürliches, oder nur die Idee von einem noch zu erwerbenden und künstlichen Vermögen sei, so daß ein Geschmacksurteil, mit seiner Zumutung einer allgemeinen Beistimmung, in der Tat nur eine Vernunftforderung sei (…): Das wollen und können wir hier noch nicht untersuchen.“
—  Kant, KdU, 1790